Wider die Eindeutigkeit

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist seit vielen Jahren Dauergast in meinem Leben. Mein Mann stammt aus der Ostukraine, seine Eltern leben dort. 2014 fielen die ersten Schüsse des Bürgerkrieges in seiner Heimatstadt. 2015, in der Zeit unseres Kennenlernens, waren Wut und Traurigkeit über das, was in seiner Heimat passierte, immer mit im Raum. Wut und Traurigkeit über die Unbarmherzigkeit und Verfahrenheit des Konflikts, aber auch den Umgang mit ihm auf allen Seiten.

Seitdem war das, was inzwischen als Krieg brennt, wie eine schwelende Glut in unserem Alltag. Immer wieder flogen neue Funken durch unsere Gespräche: Erzählungen meiner Schwiegereltern über andauernde Schießereien an der Grenze zu den separatistischen Republiken Luhansk und Donetsk. Diskussionen über die auf ukrainische Entscheidung hin jahrelang vom Leitungswasser abgeschnittene Krim. Bilder von Alten aus den Republiken, jeden Monat in langen Warteschlangen an den Grenzen, weil ihnen ihre ukrainische Rente im Heimatort nicht ausbezahlt wird. Die brachiale Sprachpolitik in der traditionell russischsprachigen Ostukraine: Schultheater, Fernsehen, Behördenformulare, alles plötzlich nur noch auf Ukrainisch gestattet. Das Abrutschen des ukrainischen Pro-Kopf-Einkommens hinter Länder wie Thailand. Alles eingebettet in die Dauerbeschallung der zunehmend nationalistischen ukrainischen Presse einerseits, die eisige Verachtung und propagandistische Diffamierung durch Russlands Politik und Medien andererseits.

Ein Mosaik aus Grautönen

In den letzten sieben Jahren habe ich verstanden, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland ein Mosaik aus Grautönen ist. Die bequeme schwarz-weiße Erzählung, wie sie in Deutschland dieser Tage erzählt wird — hier die heldenhafte ukrainische Zentralregierung, dort das infame russische Regime und seine zwielichtigen Handlanger in den Separatistengebieten — lebt vor allem von Distanz. Wie in jedem Konflikt, ist es umso leichter, eine unterkomplexe Geschichte der hochkomplexen Realität zu erzählen, je weniger man über den Konflikt weiß und je weiter entfernt man von ihm ist. Andersrum gilt: je näher man ranrückt, je länger man hinschaut und hinhört, je mehr man sich mit der Vorgeschichte befasst, desto verwischter und uneindeutiger wird das Bild, das entsteht.

Bitte nicht falsch verstehen: ich bin nach wie vor schockiert über den Überfall Russlands auf das Territorium der Ukraine seit Ende Februar. Ich wollte das nicht kommen sehen. Dieses Maß an Aggression schien mir noch am Tag vor Kriegsausbruch ein Ding der Unmöglichkeit. Und das trotz der zahlreichen Eskalationsschritte der letzten Monate und Jahre, der zunehmend aggressiven Rhetorik der russischen Regierung, der kaltblütigen Annexion der Krim und der routinierten Inszenierung der Unabhängigkeitreferenden in den Separatistengebieten im Jahr 2014.

Bei allem Grau gibt es jetzt also eine Tatsache: die russische Regierung verantwortet den kriegerischen Überfall auf ein Nachbarland. Dazu schlägt Putin den Sargnagel in eine Welt- und Friedensordnung, die schon seit vielen Jahren — aktiv mitbetrieben durch den Westen – löchrig geschossen worden ist.

Moralische Selbstgewissheit statt Demut vorm Nicht-Verstehen

Verständlich und auch richtig, dass die meisten Menschen im Westen das verurteilen. Was mich erstaunt ist, dass mit dieser Haltung nicht auch eine Bereitschaft zur Demut einhergeht, die dieser komplexe Konflikt mitsamt seiner ambivalenten Vorgeschichte verdient. Demut vor dem eigenen Nicht-Wissen, dem Nicht-Verstehen. Plötzlich können wir uns in Deutschland vor Ukraine- und Russland-Experten kaum mehr retten. Auch diejenigen, die in ihrem Leben weder in der Ukraine noch in Russland gewesen sind, sich nie mit Kulturraum und Geschichte auseinandergesetzt haben, ja, mich noch vor wenigen Monaten ungläubig anschauten, wenn ich ihnen erzählte, dass Millionen Ukrainer Russisch als erste Muttersprache sprechen — viele von ihnen sind plötzlich erstaunlich selbstgewiss in ihrer Einschätzung dieses Konflikts und dessen, was jetzt zu tun sei.

Dabei ist genau diese Selbstgewissheit eine der treibenden Kräfte dieses Krieges. Das Schlimme und Vertrackte an dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist ja, dass er geprägt und befeuert ist von grundlegend unterschiedlichen Blickwinkeln auf Grundfragen dessen, worum seit Jahren gekämpft wird: die Geschichte insbesondere der Jahre seit 1989; die Frage, was Demokratie ist und welchen Wert sie darstellt; was Sicherheit und Freiheit bedeuten (sollten), und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen; welche Rolle der Staat hat; welche Versprechen der Westen zu bieten hat. Die Perspektiven, die in der Ukraine jetzt mit brachialer Gewalt aufeinander stoßen, speisen sich aus grundverschiedenen Paradigmen und Wertesystemen. Diese Wertesysteme fußen wiederum auf der jeweiligen Überzeugung, alternativlos zu sein. Das wiederum macht Debatten fruchtlos, und legt maximal hohe Hürden für jeden offenen Dialog.

Das Grau wird aus der Welt gedrängt

Große Sorge macht mir, dass die Selbstgewissheit in Deutschland diejenigen besonders intensiv zu befallen scheint, die politisch Verantwortung tragen. Das zeigt mir nicht nur die tägliche Presselage, sondern auch das persönliche Gespräch. Viele meiner Freunde und Gesprächspartner im politischen Berlin haben das Graue aus der Welt gedrängt. Seit Kriegsausbruch gibt es vor allem Schwarz und Weiß. Was Russisch ist, ist jetzt böse, und was Ukrainisch beziehungsweise gegen Russland ist, ist gut. Ein wenig erinnern die letzten Wochen an die Dynamik der ersten Corona-Monate: politisch-medial gibt es eine stark dominante Perspektive, während die Gesellschaft zeitgleich viel breiter und nuancierter diskutiert und spricht. Erst kürzlich ist das Meinungsbild glücklicherweise etwas bunter geworden. Die Emma-Redaktion hat in einem offenen Brief nach diplomatischen Alternativen zur weiteren Eskalationslogik gerufen und hat, obwohl die Abwehrbewegung extrem war, zumindest eine Öffnung der Debatte anstoßen können.

Aber das reicht natürlich nicht. Wir brauchen jetzt, bei aller Klarheit in der Verurteilung des russischen Vorgehens, den Mut zur Differenziertheit, auch zum Aushalten von Ambiguität. Russland beschießt Schulen und Krankenhäuser? Schlimm — schlimm aber auch, dass das ukrainische Militär an solchen Orten Stellung bezieht. Wir brauchen Alternativen zum russischen Öl und Gas? Klar. Aber ist es klug, Flüssiggas aus den USA zu kaufen, das gewonnen wird, indem man mit Hochdruck äußerst giftige Chemikaliencocktails in fragile Ökosysteme pumpt? Ist es sinnvoll, Steinkohle aus Kolumbien zu kaufen, deren Abbau indigenen Völkern die Lebensgrundlagen entzieht? Ist die venezolanische Regierung, seit Jahren Vergewaltigerin ihres eigenen Volks, wirklich ein besserer Handelspartner für Öllieferungen als Russland?

Und weiter: Täten wir nicht gut daran, den ukrainischen Präsidenten in all seiner Ambivalenz zu beschreiben? Ein begnadeter Kommunikator, sicher, aber eben auch Zögling eines Oligarchen und in seinem politischen Werdegang vergleichbar zu den postdemokratischen Trumps und Grillos dieser Welt. Gibt es Alternativen zum derzeitigen Agieren der ukrainischen Regierung, deren Entscheidungen absehbar mit (!) dafür verantwortlich sind, dass das Land zum Schauplatz eines langfristigen Proxy-Krieges wird? Welches Vorgehen gebietet sich mit Blick auf den EU-Mitgliedsantrag der Ukraine, um ähnliche Bumerang-Effekte wie der Türkei zu vermeiden? Was sind langfristig tragbare Strategien für ein friedliches Miteinander mit Russland, einem Nachbar, der auch dann nicht verschwinden wird, wenn wir den Handel auf Null gefahren und die NATO erweitert haben? Und was lernt der Westen aus der Eskalation der letzten Jahre, die auch bedingt worden ist durch den Mangel an westlicher Bereitschaft, auf die Expansion der politischen und militärischen Einflusssphäre zu verzichten?

All diese Fragen sind schwierig zu beantworten. Sie sind unbequem, nicht leicht auszuhalten, beinhalten oft nur schlechte Lösungsoptionen. Umso wichtiger, dass wir uns ihnen stellen. Denn sie sind der Hintergrund, vor dem wir gerade wegweisende Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die das Schicksal der EU, das Verhältnis zum Osten, eine zuverlässige Energieversorgung und vieles mehr über Jahre hinaus prägen werden. Wer solche Entscheidungen zu treffen hat, sollte nicht der Versuchung nachgeben, das Vielschichtige und Uneindeutige künstlich auf Einfach zu biegen. Dazu sind die Fragen, vor denen wir stehen, zu wichtig für unsere Zukunft und die Zukunft der Weltordnung.

Hanno Burmester ist Autor von drei Büchern, zuletzt „Unlearn. A Compass for Radical Transformation” (2021). Dieser Text ist erstmals in der Ausgabe 35 des Magazins evolve erschienen. Hanno ist dort Mitglied des Redaktionellen Beirats.

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Thinking about system change; Author and organisational developer. More@hannoburmester.com

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